Oliver(20) ist in Berlin aufgewachsen. Schon in jüngsten Jahren
stachelte ihn sein Schaffensdrang zu (illegalen) Sprühbildern auf
Berliner Häuserwänden an. Der junge zeigte Talent und es folgte ein
erster Offizieller Auftrag. Mit 12 Jahren bemalte Oliver die dreckigen
Jalousien eines Schuhgeschäftes in der Nachbarschaft. Dafür gab´s 250
Mark bar auf die Hand und noch ein paar nagelneue Turnschuhe für die
Füße.
250 Mark in bar und ein paar neue Turnschuhe
Doch an Selbstgefälligkeit lag schon dem kleinen jungen fern, sein
einziges Werk gefiel ihm nicht: ,,Das muss noch viel besser werden.Ich
muss lernen.“ Zum lernen braucht ein Sprayer nun nicht gerade den
nächsten VHS- Kurs. Man lernt von großen Vorbildern aus New York, Tokio,
London und von den Großen Kumpels auf den Berliner Straßen, die zum
Teil schon
Verdammt gut sind. Diese Kurse spielen sich natürlich vorzugsweise im
Dunkeln ab und man sollte sich tunlichst nicht erwischen lassen.Aber
eine Stadt, die berühmt ist für ihr großes Herz, die lässt auch kleine
Spraye nicht hängen. Selbstverständlich werden dort öffentliche Wände
zum Sprayen zur Verfügung gestellt. Wie soll ich denn sonst Ruhe üben?
Nur wenn junge Leute gefördert werden, dann kann auch mal was daraus was
werden.

Auch Sprayer haben ihre Beschaffungskriminalität
Es gibt Sprayer – Shops für den preiswerten Einkauf. Denn ähnlich wie in
der Rauschgiftszene so haben auch die Sprayer ihre
Beschaffungskriminalität. Oliver: Im Baumarkt kostet eine Dose um die 18
Mark.Da kommen für eine Wand schnell 1.000 Mark zusammen. Also werden
Dosen natürlich auch geklaut. Im Sprayer-shop ist die Dose jetzt schon
ab sechs Mark zu haben. Oliver hat Fleißig gelernt. Seine Berliner
Lehrjahre haben im immerhin einen Eintrag in dem Großen Graffiti Lexikon
von Bernhard von Treeck beschert. Als Oliver Kray ist er dort nicht zu
finden, sondern unter seinem Spraye- Kürzel – und das dürfen wir nicht
verraten, weil die Polizei das auch gern Wüste....
Wenn einer seine Nachbarn Ärgern will
Allerdings: Wirklich ärgerliche ärgerliche Schmierereien hat Oliver nie
hinterlassen. Auch die Sprayer Szene hatte ihren Ehrenkodex: Ich habe
nie eine Kirche besprüht oder etwas ähnliches. Gegen Vandalen könne sich
natürlich auch die Sprayer nicht abschotten: Wenn einer seinen Nachbar
ärgern will ....
Der Nervenkitzel des Verbotenen war für Oliver ohnehin nie der Antrieb
zum Sprayen, sondern der künstlerische Ausdruckswunsch. Das illegale
Sprayen hat er längst an den Nagel gehängt ,weil er viel lieber in ruhe
arbeitet und weil die Sprüherrei mit den Dosen auch nicht gerade
gesundheitsfördernd ist.
So langsam dürfte auch die Zeit für nächtliche
Streifzüge knapp werden, denn Olivers Auftragsbuch ist gut gefüllt. Nach
dem Turnschuhjob in Berlin Vermittelte ein Bekannter weitere Aufträge für die Filmbranche. So hat Oliver die Kulissen für eine Fehrnsehserie über die Punkband Herzlos gestaltet oder die Filmstudios Babelsberg verzieht.
Zum Abschied ein bunter Sarg für den guten Freund
Vor kurzen kam der für Oliver bewegendste Auftrag: Ein Bekannter war im Alter von 19
Jahren tödlich verunglückt. Zur Beerdigung ließ die Familie den Sarg von
den alten Kumpels bunt bemalen. Nach Paderborn führten Oliver dann zwei
Umstände: Zum einen die Verwandtschaft ,die in Bad Lippspringe wohnt
und zum anderen Malermeister Dietmar Ahle ,der für seine
Wandgestaltungen suchte und den Kontakt zu Oliver ganz offiziell über
eine neu gegründeten Spraye- Verein fand. Olivers erste Arbeit für Ahle
in Paderborn war die Wandbemalung in der Rathauspassage. Die Sache zog
Kreise und inzwischen hat der junge Künstler viele Spuren in der
Paderstadt hinterlassen: Wandbemalung in einen Werbebüro in schloss
Neuhaus ,Zur Power Woche den Elefanten Nr.17 auf dem Marienplatz ,
Paderborner Motive auf der Terrasse der Pension Irma im Paderquellgebiet
oder die Fische und Kraken im benachbarten Waschsalon. Zur zeit bemalt
Oliver die Außenfassade des Malerbetriebes Ahle in der Friedrich- List-
Straße –nicht mit der Spraydose, sondern mit Lasurfarben. Bemerkenswert
übrigens, welchen eigenwilligen Verlauf die Dinge manchmal nehmen:

Alles begann mit einen geplatzten Ministerbruch
Alles begann nämlich mit dem Besuch von Nrw –Arbeitsminister Harald
Schartau Anfang des Jahres in Paderborn. Bei diesem Anlass sollte der
Minister einem arbeitslosen Gerüstbauer die Hand schütteln .Der
arbeitslose Gerüstbauer war schnell gefunden, nur das dazu gehörige
Gerüst fehlte. Also ließ Malermeister Ahle kurzerhand den eigenen
Betrieb einrüsten.Der Minister kam dann gar nicht –Terminprobleme wie
das so halt ist.Und nun stand das Haus da mitsamt Gerüst. Da erinnerte
sich der Meister Ahle an eine Wandbemalung, die er in einem Prospekt
entdeckt hatte. Etwas in der Art würde doch einem Malerbetrieb gut zu
Gesicht stehen.
Ehemals kahle Fassade sieht einfach Schöner aus
Einige Wochen lang wurden Entwürfe zu Papier gebracht und jetzt ist das
Resultat dieser Bemühungen an der Friedrich List- Straße zu bewundern.
Tiefschürfende Fragen nach Kunst oder nicht Kunst oder Graffiti oder
nicht Graffiti möchte Ahle dabei nicht auswerfen. Ihm reicht es, dass
seine ehemals kahle Fassade nun einfach schöner aussieht. Trotz aller
Erfolge nagt tief in Oliver weiterhin das Mißtrauen gegen sich selbst:
So gut bist du ja gar nicht.
Zur Malerei ist er eigentlich immer gedrängt worden von den Eltern Bekannten zu Maler Ahle: Mach das doch mal! Oliver selbst sieht seine berufliche Zukunft eher in
der Modebranche: Modedesingner könnte er sich vorstellen. Da muss man
auch Sinn für formen und Farben haben und Power und Ideen!
Quelle:
Neue Westfälische - Oktober 2001
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